Eisbaden – körperliche Reize, mentale Wirkung und was sich daraus lernen lässt
Ich gehe im Winter regelmäßig in den Dortmund-Ems-Kanal zum Eisbaden, so auch zum Jahreswechsel. Nicht als Mutprobe und nicht als Selbstoptimierungsritual, sondern aus Interesse an den körperlichen und mentalen Effekten von Kälte – und an dem, was sich daraus für Stressresistenz und Selbststeuerung lernen lässt. Einige meiner Klientinnen und Klienten fragen inzwischen gezielt nach solchen Formen der Selbstregulation.
Einordnung: Kälteexposition und die Wim Hof-Methode
Bekannt geworden ist Eisbaden unter anderem durch die Wim-Hof-Methode. Sie kombiniert drei Elemente: gezielte Atemtechniken, Kälteexposition und mentale Fokussierung. Unabhängig vom Personenkult dahinter ist die Methode deshalb interessant, weil sie einen klaren physiologischen Ansatz verfolgt und inzwischen auch wissenschaftlich untersucht wird.
Kälte wirkt als starker Reiz auf das vegetative Nervensystem. Kurzzeitig steigt die Aktivierung, Puls und Atem verändern sich deutlich. Gleichzeitig zeigt sich: Wer lernt, den Atem bewusst zu verlangsamen und gleichmäßig zu halten, kann diese Stressreaktion regulieren. Genau hier liegt der zentrale Nutzen – weniger im Eisbad selbst als in der Fähigkeit zur Selbstregulation.
Effekte auf den Körper
Aus physiologischer Sicht werden dem regelmäßigen Kaltwasserbaden unter anderem folgende Effekte zugeschrieben:
- Aktivierung des Kreislaufs und kurzfristige Gefäßverengung mit anschließendem Wiederdurchblutungseffekt
- Stimulation des Immunsystems (Hinweise auf reduzierte Infektanfälligkeit bei regelmäßiger Praxis)
- Aktivierung des Stoffwechsels durch braunes Fettgewebe
- verbesserte Körperwahrnehmung
Wichtig ist: Diese Effekte entstehen nicht durch möglichst lange Aufenthalte, sondern durch kurze, kontrollierte Reize.
Effekte auf Psyche und Stressverarbeitung
Für das Coaching besonders relevant sind die psychischen Effekte. Im kalten Wasser lässt sich sehr gut beobachten, wie der Körper auf Stress reagiert – und was hilft, stabil zu bleiben. Entscheidend ist ein ruhiger, langsamer Atem, idealerweise mit verlängerter Ausatmung. Wer hastig atmet oder gegen die Kälte anspannt, verstärkt die Stressreaktion.
Mit der Zeit entsteht eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Ich kann eine intensive Situation regulieren, ohne sie kontrollieren zu müssen. Das lässt sich gut auf den Alltag übertragen – etwa auf Drucksituationen, hohe Arbeitsdichte oder anspruchsvolle Gespräche.
Bezug zum Coaching
Im Coaching arbeite ich häufig mit dem Thema Stressresistenz und Selbststeuerung. Eisbaden ist dafür kein Tool und keine Empfehlung, sondern ein anschauliches Beispiel: Mentale Stärke entsteht nicht durch Abhärtung, sondern durch Regulation. Nicht durch „Augen zu und durch“, sondern durch bewussten Umgang mit Aktivierung.
Diese Haltung ist anschlussfähig an viele berufliche Kontexte – insbesondere dort, wo Belastung nicht vermeidbar ist, wohl aber der Umgang damit gestaltbar.
Hinweise zur Praxis
Eisbaden ist nicht für jede und jeden geeignet. Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll, insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer es ausprobiert, sollte langsam beginnen, kurz im Wasser bleiben, auf den Atem achten und nicht allein gehen. Weniger ist hier klar mehr.
Als Erfahrung kann Kälteexposition jedoch einen informativen Zugang zu den eigenen Stressmustern eröffnen – und damit zu einem bewussteren Umgang mit Belastung. Genau das ist auch im Coaching oft der entscheidende Punkt.